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Vergangenheit in der Gegenwart

Vergangenheit in der Gegenwart

9 - Einweisung


Erna hatte bereits im Frühjahr 1942 angefangen, sich dem Einerlei der Arbeit auf dem Hof zu verweigern. Sie benötigte für sich dringend eine "Auszeit". Sie war eines Morgens nicht mehr pünktlich aufgestanden, blieb einfach im Bett liegen, nörgelte über ihr Schicksal lauthals mit der Mutter, drohte und schimpfte. Aber Mama Anna hatte das dann wieder "in den Griff" bekommen.




Der Storm-Biograph Jochen Missfeldt erwähnt in seiner Biographie: "Du graue Stadt am Meer | Der Dichter Theodor Storm in seinem Jahrhundert", Hanser-Verlag 2013, auf Seite 239 über die "Frauen im 19. Jahrhundert": "Wer das Bett hütet, nimmt sich eine Auszeit und ist aus der Schusslinie. ... für die Frauen im 19. Jahrhundert [ist] das Bett ein Allzweck-Notaufnahmelager, das die Gesellschaft auch als ein solches begreift und stillschweigend anerkennt." 
- Hier wird also die Zeit ca. 80 - 100 Jahre vor Erna Kronshage skizziert - die "Auszeit" in einer ehedem gehobeneren Ober- bzw. Mittelstandsschicht: Eine solch allseits akzeptierte gesellschaftlich hingenommene Konvention hatte sich jedoch ein ganzes Jahrhundert später von Husum nach Senne II leider nicht herumgesprochen und durchsetzen können - erst recht wurde ein solches Verhalten vom nationalsozialistischen "Zeitgeist" nicht hingenommen ... 
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Erna hielt sich in jenen Tagen abends - nach "Feierabend" - oft bei einer Nachbarin auf, die allein einen Säugling zu versorgen hatte, da dessen Vater Soldat war. Inwieweit diese Besuche durch gegenseitiges Beeinflussen bei Erna diese Unzufriedenheiten, diesen Zorn und dieses Hadern mit ihrem Schicksal mit ausgelöst haben können und vielleicht Sehnsüchte geweckt haben, kann nur vermutet werden.

Nun, im Oktober 1942, trat dieser Zorn Ernas jedoch wieder stärker zutage. Diese zermürbende Eintönigkeit der landwirtschaftlichen Arbeit und die beständige Überforderung und der ewig gleiche Trott hatten ihre Kräfte nun vollends aufgezehrt...

Hinzu kam diese latente Angst, das Leben zu versäumen oder konkret ebenso plötzlich wie vor zwei Jahren die Nachbarin Ida G. Opfer eines Bombenangriffs zu werden. Und der Bombenangriff an sich - und die ausgemergelten russischen Kriegsgefangenen aus dem Lager in Stukenbrock oder gar die abgelegten Leichen aus den Gefangenentransporten neben den Schienen - als einschneidende Traumata in unmittelbar bedrohlicher Nähe - dazu die ständige Angst um ihre Brüder, die an der Ostfront kämpften - das alles konnte noch längst nicht verarbeitet werden und kam in den Träumen zurück - und quälte.

Die Sirenen heulten ja inzwischen immer öfter tatsächlichen Fliegeralarm – und bei den nahgelegenen Raba-Werken schoss dann die Flak. Nachts, wenn englische Bomberverbände Angriffe auf Bielefeld oder Gütersloh oder Paderborn flogen, dann kroch diese Angst hoch, dann fand Erna keinen Schlaf mehr. 
Erna konnte und wollte nicht mehr, sie sehnte sich nach innerer Ruhe, nach der Fröhlichkeit und Ausgeglichenheit von früher, wenn sie mit ihren Freundinnen witzelte, wenn sie tanzte nach den Melodien der Akkordeon spielenden Brüder Willi und Ewald - und nach inneren Frieden – mit ihrer Umwelt und mit sich selbst. Sie sehnte sich nach Sicherheit, Geborgenheit - und Liebe. 


Ich glaube, dass viel mehr Menschen ganz bewusst verrückt werden, 
als man annimmt. Es trifft auf gewisse Arten des Wahnsinns bestimmt
nicht zu, aber es gibt Formen mit einem schleichenden Übergang, 
wo es zu einer solchen Entscheidung kommen kann.

formuliert der Schriftsteller Frank Witzel 2015

Was in Erna tatsächlich damals vorging, können wir nicht wissen. Sie sagte später in der Erbgesundheitsgerichts-Verhandlung zur Zwangssterilisation, sie habe oftmals 
- im Tagtraum - wie in einem "Déjà-vu" - "ihre Kameradinnen gesehen" - die zum Teil in Brackwede oder Bielefeld eine Ausbildung absolvierten oder arbeiteten - und die sie täglich traf, wenn die ihre Fahrräder abstellten oder abholten, um mit dem Zug zu pendeln (siehe hier ...) - das sei so gekommen und dann wieder vergangen - aber kam bestimmt als Sehnsucht - als Neid auf so viel Mobilität und ihrer Gebundenheit. Sie schlief schlecht - und war todmüde, wenn morgens die Arbeit begann. Sie wachte nachts im kalten Schweiß auf und zitterte - und lauschte auf die Sirenen des nächsten Angriffs. Sie widersetzte sich morgens dem Wecken - und den Anweisungen der Mutter konnte und wollte sie nicht mehr Folge leisten. Sie fuchtelte wohl sogar einmal "widerspenstig" und jähzornig mit dem Messer herum, als Mama Anna sie aufforderte, "moll nen birtken tengern to maken"Sie konnte keine Tätigkeitsabläufe mehr kontinuierlich zu Ende führen, sondern unterbrach sie mehrfach - oder brach sie ganz ab. Sie beschimpfte ihre Eltern, sie seien mitschuld an ihrer Unzufriedenheit - ...

Und vielleicht könne man ihr ja mit einer "Auszeit" helfen, wie drei Jahre zuvor ihrer Schwester Frieda, die in der Provinzialheilanstalt Gütersloh vier Wochen lang nach Überweisung aus dem Städtischen Krankenhaus wegen eines unspezifischen psychischen "Erregungszustandes" mit umfassendem Erfolg behandelt wurde und "zur Ruhe kam" - ohne irgendwelche "erbgesundheitlichen" Konsequenzen daraus. 

Sie äußerte auch den Wunsch, nicht mehr zu Hause zu bleiben - und endlich "unter intelligenten Menschen zu gehen" ...

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Im Zuge der Ergründung eventueller dahinterliegender innerpsychischer und entwicklungsbedingter "Gründe" und Verstrickungen die zu Erna Kronshages Schicksal letztlich mit führten, fand ich schließlich auch die tiefenpsychologischen Anmerkungen zur Heilungsgeschichte Jesu vom "'Töchterlein' des Jairus" (Mk 5, 21-43) des Theologen, suspendierten Priesters, Psychoanalytikers und Schriftstellers Eugen Drewermann :
 „Die Heilung der blutflüssigen Frau und der Tochter des Jairus“ 
(Mk 5, 21-43)

Die Heilung der blutflüssigen Frau und der Tochter des Jairus sind eng miteinander verknüpfte Heilungsberichte, die Eugen Drewermann auch als „Schachtelperikope“ bezeichnet, denn die Jairusgeschichte wird kurz nach ihrem Beginn durch die Erzählung von der Heilung der blutflüssigen Frau unterbrochen. Diese Perikope liefert, gemäß Drewermann, ein gutes Beispiel, um „die Fragen psychosomatischer Erkrankungsformen und ihrer Heilungen in den Wundererzählungen (...) zu studieren.“

Die Geschichte handelt davon, dass der Synagogenvorsteher Jairus den von einer Menschenmenge umdrängten Jesus anfleht, seine im Sterben liegende Tochter zu heilen. Jesus und alle, die ihn umgeben, folgen Jairus unverzüglich, um so schnell wie möglich bei der Tochter zu sein. Auf dem Weg bemerkt Jesus, wie ihn jemand von hinten anfasst. Er dreht sich um und fragt, wer ihn berührt habe, doch die Jünger können ihm keine Antwort geben, da ihn zu viele Menschen umringen. 

Da kniet sich eine verängstigte Frau vor ihm nieder und sagt ihm, dass sie es gewesen sei. Zuvor hat man erfahren, dass diese Frau seit zwölf Jahren an einer Blutung leidet und kein Arzt ihr bis jetzt hat helfen können. Jesus antwortet auf ihr Geständnis nur mit: „Dein Vertrauen hat dir geholfen. Geh in Frieden und sei frei von deinem Leiden!“

Während Jesus noch spricht, kommen der Menschenmenge einige Leute entgegen, die vom Tod der Tochter des Jairus berichten. Jesus will dennoch zu dem Mädchen gehen. Als er das Haus des Jairus erreicht, und er das Weinen der Angehörigen hört, sagt er zu ihnen: „Was soll der Lärm? Warum weint ihr? Das Kind ist nicht tot - es schläft nur.“ 

Da er wegen dieser Aussage von den Anwesenden verlacht wird, schickt er diese bis auf den Vater, die Mutter und die drei Jünger hinaus und begibt sich in das Zimmer in dem das Kind liegt. Sobald Jesus die Hand des Mädchens nimmt und zu ihr sagt: „Talita kum!“, was übersetzt bedeutet: „Steh auf, Mädchen!“, erhebt sich das Kind auf der Stelle und läuft umher. Das Erstaunen unter den Anwesenden ist groß, doch Jesus legt den Menschen ans Herz, niemandem von der Heilung zu erzählen und bittet noch darum, dem Kind zu essen zu geben.

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Eugen Drewermann interpretiert die Heilungsgeschichte der Tochter des Jairus folgendermaßen:

Die zwölfjährige Tochter des Jairus fürchtet sich das Leben einer Frau zu führen bzw. dieses Leben zu beginnen, da bei den Rabbinen mit diesem Alter die Jugend eines Mädchens beendet war. Ab diesem Zeitpunkt wurde es als heiratsfähig und somit als Frau bezeichnet. Drewermann bezeichnet dies als immensen „Einschnitt und Wechsel im Leben eines Mädchens“ oder auch, als „Tod der Kindheit!“

Die Aussage dieser Wundergeschichte ist, Drewermann zufolge, dass die Angst des Mädchens allein durch die Liebe bewältigt werden kann. Die Angst deutet er wiederum als Auslöser einer psychosomatischen Erkrankung, in diesem Fall eines „hypnoiden Zustandes“. Allerdings betont er, dass diese Diagnose nicht entscheidend für die Betrachtungsweise der Geschichte ist, denn hier spielt die Zusammenschau aller Aspekte eine gewichtigere Rolle.

Aus der Tatsache, dass das Mädchen eigentlich schon eine Frau ist, aber immer nur als die „Tochter/das Töchterlein des Jairus“ bezeichnet wird, kann man schließen, dass dieses Mädchen „nichts als das Spiegelbild der Wünsche und der Eigenarten ihres Vater, ein Wesen ohne eigenen Willen (...) eben nur die «Tochter des Jairus»“ ist. Für das bessere Verständnis schildert Drewermann zunächst einmal die psychische Situation, in der sich das Kind eines Synagogenvorstehers damals befand. Jenes musste ein Idealbild von Moral darstellen und durfte sich kein Missgeschick oder Ungehorsam leisten, da sich dieses Verhalten auf das hohe Ansehen des Vaters auswirken konnte. Für Drewermann kommt auch in der Titulierung „Töchterlein“, welche der Vater seiner Tochter in der Erzählung gibt, dessen Haltung gegenüber dem Kind zum Ausdruck: „für ihn ist sie nach wie vor das (...) brave Ding, sein Ein und Alles, sein Stolz und seine Freude.“ Nach dieser Feststellung ist es offensichtlich, dass ein so umsorgtes Kind, das behütet seine Kindheit verbringt, sich davor fürchtet selbstständig und frei zu werden, da es unentwegt Sorge trägt, Fehler begehen zu können. Die Unabhängigkeit einer erwachsenen Frau überfordert es vollkommen und deshalb besteht für dieses Kind kaum die Möglichkeit sich von der Fürsorglichkeit des Vaters loszureißen. Drewermann macht auf diese Weise deutlich, dass „damit das Todesurteil über eine Entwicklung gesprochen [ist], die in lauter Verantwortung und Fürsorge erstickt zu werden droht, kaum, dass sie beginnen könnte.“ 

Denn das Mädchen sieht im Tod, die einzige Möglichkeit vor dem Vater zu fliehen, der ihr die Luft zum Atmen nimmt. Infolge dieser angeführten Gründe, ist Drewermann der Meinung, dass das Mädchen vermutlich an einer psychosomatischen Erkrankung, einer so genannten hypnoiden Starre, leidet. Dabei handelt es sich nicht nur um ein flüchtiges Symptom, sondern um eine ausgeprägte Vagotonie, „wie sie in Situationen der Ausweglosigkeit von der Natur“ vorgesehen ist. 

Dies ist ein „Zustand des vegetativen Nervensystems, bei dem das Gleichgewicht zwischen Sympathikus und Parasympathikus in Richtung des Parasympathikus verschoben ist. Daraus ergibt sich ein klinisches Syndrom mit niedrigem Blutdruck, langsamem Puls, engen Pupillen und oft kalten Händen und Füßen sowie gelegentlich Antriebslosigkeit.“

Drewermann beschreibt den psychischen Widerstand gegen die Entwicklung des eigenen Körpers zur Frau, sowie „geheime(r) Todeswünsche und -sehnsüchte“ als Auslöser für diese plötzliche Verfassung des Kindes. Aus diesem Grund muss „eigentlich ein Mädchen gerettet werden (...), das den Tod förmlich herbeisehnt (...), um sich die «Reinheit» der Kindertage zu bewahren.“

Letztendlich geht Drewermann auf das Verbot Jesu ein, das immer wieder im Markusevangelium nach einer Heilung auftaucht, und die Anwesenden dazu anleitet, kein Wort über die Wunderheilungen zu verlieren. Er ist der Meinung, dass das „Schweigegebot“ in Bezug auf dieses Wunder eine unerlässliche Konsequenz darstellt, da eine Abhängigkeit des Glaubens von der Beurteilung der Masse auf ein autonomes Leben nur eine verhängnisvolle Wirkung hätte. Was bedeuten würde, andauernd die Frage danach zu stellen: „was die anderen sagen, was die anderen tun, was die anderen wollen“. Deswegen will Jesus auch keine Bestätigung und kein Urteil der Menge, da dies ein Risiko für die geheilte Person darstellen würde.

Dementsprechend kommt Drewermann zu einem dezisiven Fazit der „Verkündigung“ dieser Wundergeschichte:
„man gelangt zum Glauben und zum Leben nur durch einen anderen Menschen, dessen Hände und Worte uns so berühren, dass sie die Seele zu erwecken und dem Dasein seine ursprüngliche Reinheit zurückzugeben vermögen. Die Menge aber, (...), ist etwas gänzlich anderes; sie können Leben nicht begründen, sondern nur ersticken, und wenn der Glaube Macht hat, so zeigt er sich gerade darin, von dem Urteil anderer in alle Zeiten unabhängig zu werden.“
Textquelle dieses Einschubs Drewermann/Jairus Tochterlein: click here 

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Soweit das Gleichnis - und die Interpretationen Drewermanns dazu: Auch wenn das "'Töchterlein' des Jairus" ja erst 12 Jahre alt war - ist Ernas etwas "verwöhnte" Stellung in der 11-köpfigen Geschwisterreihe ("unsere Jüngste" - "use Ernken") ja altersunabhängig von den gleichen Schwellen geprägt, die die Lösung von der Kindheit und des Elternhauses, das Heranwachsen zur Frau, das Aus-dem-Schatten-Treten eines "Haustochter"-Schicksals, mit beinhaltet ...Ich glaube nicht, das bei Erna Kronshage ein "unbewusster Todeswunsch" mitgeschwungen hat - wohl aber die Sehnsucht nach einer grundlegenden Neuerung - nach einer nun anstehenden und überreif gewordenen "Wiedergeburt" ins Erwachsen- und Unabhängigsein ...
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Damals wendet sich Ernas Mutter an diese Gemeindefürsorgerin, die als „weibliche Elitetruppe der NSDAP“ vor Ort die jeweiligen Situationen mit ihren Kenntnissen in Erb- und Rassenpflege beurteilen sollen, um „Verhaltensabnormitäten“ weiterzumelden… 

Und diese dienstbeflissene „Braune Schwester“ sieht in den eigenmächtigen Bummeleien Ernas tatsächlich echte „Verhaltensabnormitäten“, denn der Hof hatte jetzt im Krieg der „Sicherung der Ernährung des deutschen Volkes“ zu dienen, und nur Ernas unverbrüchliche Mitarbeit dort rechtfertigten schließlich ihre Freistellung von anderen NS-Dienstverpflichtungen… 

Erna Kronshage wird deshalb zu einer Amtsärztlichen Untersuchung zitiert, bei der sie dann aber sogar selbst darum bittet, in die Provinzialheilanstalt Gütersloh aufgenommen zu werden – weil sie von ihrer Schwester Frieda bereits dazu angestachelt wurde, die dort 3 Jahre zuvor nach einem "Erregungszustand" in nur 4 Wochen erfolgreich wiederhergestellt wurde, ohne irgendwelche erbgesundheitlichen Konsequenzen.

Erna erwartet sich eine ebensolche Hilfe um die Eltern nicht weiter zu enttäuschen und wieder „fit“ zu werden… 

Ob Erna direkt vom Amtsarzt für Bielefeld-Land zu jener Zeit, Dr. Alfred Rainer, selbst untersucht wurde, oder ob es eine "Amtsärztliche Ambulanz" mit wechselnder Besetzung gab, muss noch geklärt werden.



Dieser Eintrag zum "Reichsnährstand" ist wichtig für das Verständnis von Ernas Opferbiografie.

Erna war ja als "Haustochter" im elterlichen Groß-Haushalt angestellt. Da die Brüder in den Krieg ziehen mussten und die Schwestern nach und nach heirateten und ihre eigene Familie betreuten, blieb sie als Jüngste und Kleinste allein zurück auf dem landwirtschaftlich bewirtschafteten Hof, um ihren Eltern bei der täglichen Arbeit zu helfen.

Die Bewirtschaftung eines solchen Hofes war nun aber in Kriegszeiten kein Selbstzweck - sondern Zugehörigkeiten zum "Reichsnährstand" verpflichteten die einzelnen Höfen zu bestimmten Erträgen und Erzeugnissen.

Zu Ernas Zeiten gab es wohl auch später - vielleicht nach der Entmachtung des "Reichs-Bauernführers" Richard Walther Darrés - eine verbindliche NS-Kampagne zur "Sicherung der Ernährung des Deutschen Volkes" ... - wo bei dieser plötzlichen "Burn-out"-Arbeitsverweigerung Ernas überhaupt kein Platz war - und da es ja noch keinen "Gelben Schein" wie heutzutage als Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung gab - musste Ernas Bummelei der Gemeindefürsorgerin von der NS-Schwesternschaft, der "Braunen Schwester" "gemeldet" werden: Diese Schwestern waren jung und ehrgeizig und in Eugenik und Rassenlehre "top" ausgebildet - und hatten in jeder Gemeinde, wo sie das Sagen hatten die Oberaufsicht, über Recht & Ordnung in dieser "sozialpädagogischen" Hinsicht. Und das wurde Erna letztlich mit zum Verhängnis ...

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Und dieser zunächst verwirrend und naiv anmutende Aufnahmewunsch Ernas in diese von ihr wahrscheinlich wörtlich so verstandene „Heil-Anstalt“ ist den guten Erfahrungen der Schwester Frieda dort geschuldet - und im Sinne der „Selbsterhaltung“ ja sogar als „vernünftig“ und „gesund“ zu bewerten: Erna wirkt aktiv mit und übernimmt Verantwortung für sich… 

Sie will jetzt „Nägel mit Köpfen“ machen und auch ohne Zustimmung ihrer Eltern dort eine Behandlung durchsetzen – was ihr auch gelingt, indem sie die Einweisungspapiere dem Vater abschwatzt, der ja immer noch das Sorgerecht innehat, und sie kurzum einem Polizeibeamten in einem parkenden Streifenwagen übergibt.

Durch die dann hinzugerufene „Braune Schwester“ wird einvernehmlich dafür gesorgt, dass sie, an den Eltern vorbei, aufgrund ihrer Minderjährigkeit nun als „gemeingefährliche Kranke“ der Anstalt polizeilich zugeführt wird. 

Ausriss aus dem Einspruch des Vaters vom 24. Februar 1943
Ausriss aus dem Einspruch des Vaters vom 21.April 1943
Die tatsächliche Einweisung erfolgte auf alle Fälle am Samstag (!), dem 24.10.1942 ...

Erna sucht die Loslösung und Freiheit von Bevormundung und engem Zuhause - gerät aber stattdessen auf die "schiefe Ebene" der NS-"Psychiatrie", auf der es kein Halten mehr gibt ...

Dieses eigenartige Verhalten Ernas, fast "wie eine Motte ins Licht zu fliegen", so fast freiwillig und irgendwo auch gewünscht - doch auch widerwillig - aber ohne Gegenwehr und selbstständig ins "Verderben" zu rennen, diese Ambivalenz und Paradoxie in ihrem Tun, die wir ja auch schon im beschriebenen grundlegenden Moraldilemma haben mitschwingen sehen ("ich will am liebsten gehen - aber ich muss ja bleiben") - lag aber wohl auch am ambivalenten NS-Zeitgeist - an der inneren Gefühlsverwirrung: der Krieg außen war auch ein Krieg innen. Sie strampelte wie der Hamster im Rad - und kam nicht weiter ... - sie sah keine Perspektive für sich - und - das war wahrscheinlich ihre Hoffnung - die "Studierten", die Ärzte, die so hochgelobten "modernen Wissenschaften" in all dem neuen herrschenden von der NS-Propaganda apostrophierten "modernen Zeitgeist" könnten ihr mit einer entsprechenden "Auszeit", in der sie zunächst einmal "Erholung" und "Entspannung" suchte, darüberhinaus sicherlich eine neue Lebensperspektive bieten, sie in eine ihr adäquate Zukunft weisen ... 

Die tödliche Verstrickung der NS-Psychiatrie mit den über 70.000 T4-"Euthanasie"-Morden der ersten Welle von 1940-1941 waren Erna überhaupt nicht in irgendeiner Weise als Gefahren für ihr Leib und Leben bewusst - die letztlich tödliche Verbindung der NS-Psychiatrie zur Provinzial-Heilanstalt Gütersloh wurde von ihr nicht gezogen - und die diesbezüglichen Gerüchte, die von den Eltern und den Fahrradparkern hinter vorgehaltener Hand geschürt wurden, waren für Erna wahrscheinlich "dummes Gerede" ...


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Die Vermutung liegt nahe, dass sich Erna Kronshage auf dem elterlichen Hof mit dem täglichen Einerlei in den alltäglichen körperlichen Überforderungen - und gleichzeitig den allgemeinen intellektuellen Unterforderungen - aber auch in dem Ausbleiben einer altersgemäß angemessenen Erlebniswelt - regelrecht "gefangen" vorkam - an Haus und die 43 und 46 Jahre älteren Eltern "gefesselt" - und die Situation dieser inneren Spannungen machten sie einfach "arbeitsunfähig" - wie wir es heute nennen würden - sie suchte ganz gezielt eine Legitimation - den nötigen "Gelben Schein" - wie man heute sagen würde ... 
Sie stand jetzt als einzig "übriggebliebenes" Kind in dem ehemals elf Kinder umfassenden Großfamilienhaushalt - und eigentlich befand sie sich in einem Alter der allmählichen endgültigen Abnabelung und Loslösung - stattdessen jedoch bewegte sie sich unausweichlich mitten im Focus eines sicherlich gut gemeinten aber letztlich doch über-behütenden und einengend abschottenden "Schutzschirms", den ihr diese Restfamilie unbewusst überstülpte, der neben allem äußeren Verniedlichungs-Vokabular (in Plattdeutsch: "Ernken - use Lüttste - use Püngelken" ...) nur zumeist in praktischen "Kurz-um"-Anweisungen und Routine-Aufträgen ohne jede angemessene zwischenmenschliche und der Persönlichkeitsentwicklung dienende Sensibilität und Kommunikation gelebt wurde, auch um ihr "keine Flausen ins Ohr" zu setzen. 
Hier war es besonders so auch die Mutter - die gleichzeitig als "Arbeitgeberin" und "Chefin" auf Erna und ihre jederzeit abrufbare und funktionierende Arbeitsleistung existenziell angewiesen war - und auch die von "Amts wegen" erteilten Freistellungen Ernas von NS-und BDM-Dienstverpflichtungen als mitarbeitende "Haustochter" auf einem Hof, der der „Sicherung der Ernährung des deutschen Volkes“ zu genügen hatte, auch rechtfertigen musste...- z.B. gegenüber der kontrollierenden Gemeindefürsorgerin, die gerade in solchen Unregelmäßigkeiten Handlungsbedarf hineininterpretierte. 
Wiederum war Mutter Anna auch 43 Jahre älter als Erna - und konnte mit der damals heranwachsenden Jugendgeneration und deren eigentlichen Wünschen und Träumen so gar nichts anfangen - in diesen lausigen nationalsozialistischen Zeiten inmitten eines entfesselten Krieges erst recht nicht - und die dazu große Verlustängste auch um ihre Söhne an der Front hatte - und nun wie eine Glucke auf die Jüngste achtete - für diese Gesamtsituation gab es ja keine Verhalten-Vorlagen oder Blaupausen ...
Erna Kronshage wollte ausbrechen aus diesem Dilemma ... sie suchte eine dringend benötigte "Auszeit" - und fand letztlich den Tod ...
Heutzutage - ca. 75 Jahre später - ist  es für heranwachsende Jugendliche völlig normal, eine Zeit "für sich" zu haben, um zu "chillen", herumzuhängen, abzuhängen, mit Gleichaltrigen eine "Clique" zu bilden, Übernachtungsbesuche zu machen und zu haben - und Partner kennenzulernen - um soziale Kontakte zu knüpfen - einfach um im Wechsel mit dem alltäglichen "Schul- und Ausbildungsstress" zur Ruhe zu kommen und einen Ausgleich zu haben - um "Leben" zu lernen... Und diese Zeit wird als völlig legitim zugestanden - und die Eltern richten dafür entsprechende "Wohnlandschaften" ein - im ehemaligen Kinderzimmer ... - all diese Aspekte standen jedoch damals außerhalb einer "seriösen" und "gesunden" Erziehung zur Selbsbewusstheit und Entwicklung ...  (siehe auch hier - Die zugewiesene Rolle der Frau ..

Erna Kronshage kommt also am 24.10.1942 in der Provinzialheilanstalt Gütersloh an.
















Fotos: NSV-Brosche der "Braunen Schwestern" - Polizeiposten um 1940 - Postkarte: Verwaltungsgebäude der Provinzialheilanstalt Gütersloh, um 1940  - Frauenabteilungen (alle Fotos privat) - Anstaltsbett um 1940



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