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Vergangenheit in der Gegenwart

Vergangenheit in der Gegenwart

1 - Die Zeit wird reden ...















Wegzeichen

Wo noch Lügen liegen

wie unbegrabene Leichen
dort ist der Weg der Wahrheit
nicht leicht zu erkennen
und einige sträuben sich noch 
oder finden ihn zu gefährlich
Die Wahrheit dringt vor
und schickt zugleich ihre Sucher
in die Geschichte zurück
und beginnt aufzuräumen
mit den Verleumdungen
und mit dem Totschweigen der Toten

Vieles wird wehtun

manches verlegen machen
aber die Wahrheit ist
der Weg der Notwendigkeit
wenn das Reich der Freiheit nicht wieder
nur ein leeres Wort bleiben soll
und nur ein Gespött
für Feinde und für Enttäuschte 

Erich Fried


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Lebensläufe haben ein langes Gedächtnis. Persönliche Biographien ebenso wie die gemeinsame Geschichte. Was sich an Erfahrungen in ihnen aufbewahrt, kann im Laufe der Zeit überlagert, vertuscht, verdrängt oder totgeschwiegen, nicht aber ungeschehen gemacht werden. 
Erinnern ist mehr als bloßes zur Kenntnis nehmen. Wer sich erinnert oder erinnert wird, dem werden Ereignisse und Erfahrungen persönlicher und kollektiver Vergangenheit ins Gedächtnis gerufen, seien sie freudvoll oder schmerzlich.  
Er-innern, so sagt es das Wort, geht uns innerlich an, es betrifft uns. Manches Erinnern erfordert Mut und Beharrlichkeit. Manches Erinnern ist eine Pflicht, die uns der Wille zur Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit gegenüber Schuld und Versagen auferlegt. ... 
„Das Denken an vergangene Angelegenheiten“, schreibt Hannah Arendt, „bedeutet für menschliche Wesen, sich in die Dimension der Tiefe zu begeben, Wurzeln zu schlagen und so sich selbst zu stabilisieren, so daß man nicht bei allem Möglichen – dem Zeitgeist, der Geschichte oder einfach der Versuchung – hinweggeschwemmt wird“. 
Dr. Hartmut Traub, Auszug aus dem Redemanuskript zur Gedenkfeier für die Opfer der NS-"Euthanasie" am 27.01. 2017 im Deutschen Bundestag



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Da gibt es etwas, was wir eigentlich gar nicht erzählen dürften. Was wir eigentlich gar nicht wissen könnten, gar nicht wissen sollten – und was - wenn überhaupt - für immer oder zumindest für einige Epochen datengeschützt in Archiven versiegelt und einbalsamiert liegt.

Und die Handvoll, die davon weiß oder wusste, sagt oder sagte nichts. Ja - sie empört oder empörte sich nicht einmal: 

Und diese Handvoll Menschen meint: "Da gibt's doch heutzutage nichts mehr zu sagen. Das war die Zeit... - Ach ja - die Zeit - die Zeit war das damals. - Und alle damals waren doch auch Kinder ihrer Zeit... - da musste man einfach mitmachen ..." .

Allem Anschein nach hat diese Gesellschaft das alles doch letztendlich auch erfolgreich verdrängt. Und deshalb sollte man diese ganzen schlimmen Angelegenheiten, die soweit zurück liegen, auch endlich mal ruhen lassen. Nicht dauernd nachkarten, nachfassen, daran herumfleddern. Lasst es endlich auch mal gut sein ... 

Und da werden dann die unschuldigen Opfer oft im Nachhinein zu ihrem damaligen schlimmen real-mörderischen Schicksal oft immer noch als sorgsam gehütetes "Familiengeheimnis" [hier evtl. den Link anclicken zur Info-Station "Familiengeheimnisse & 'Euthanasie'"]  konsequent abgeschottet, eingeschweißt, abgelegt und möglichst stickum vertuscht und verleugnet - wodurch diesen Opfern immer noch keine angemessene Würde und Pietät zugestanden wird - vielleicht aus Scham, weil man denkt, dass an der Nazi-Theorie eines "gesunden Volkskörpers" mit all diesen tatsächlich "irren" Konsequenzen in Bezug auf die Erbkrankheits-Theorien vielleicht doch etwas dran sein könnte - und man selbst als Verwandter dieses einst so äußerst fragwürdig und ad-hoc diagnostizierte oder aus einem genealogischen "Ahnenpass" abgeleitete - quasi errechnete - "ewig kranke Erbgut" nun ein für alle mal mit in sich trägt - oder es selbst weitervererben könnte ... Die betroffenen Familien schweigen sich in der Regel jedenfalls aus, spalten ab, verdrängen und vergessen ...


Ein weiteres - vielleicht verwandtes - Phänomen greift immer mehr Platz: Ein Phänomen, das die Psychoanalyse "Transgenerationale Weitergabe" von unverarbeiteten oder ungenügend verarbeiteten Kriegserlebnissen nennt. Auch die Kinder und die Enkel und Urenkel - also ganz biblisch ausgedrückt: "bis ins 3. und 4. Glied""leiden" oft genug noch unbewusst an den oft furchtbaren Traumata-Gefühlen, die der Bombenkrieg, die Vertreibung, der Nazi-Holocaust oder eben auch die von Nazis und der NS-Psychiatrie zu verantwortende Vernichtung "unwerten Lebens" mit all ihren Gräueltaten mit sich bringen ... Oft sind das Nuancen, ein unbewusstes Schaudern oder eine Unfähigkeit - Ängste, die bei besonderen Situationen plötzlich "wie aus dem Nichts" kommen, eigenartige Traumsequenzen usw. -


Das vererbte Leiden, die Traumata-Weitergabe zwischen den Generationen durch (üb)erlebte Kriege, Terroranschläge, Gewalterfahrungen, Flucht und Vertreibung, Katastrophen - sie lösen über Generationen hinweg oftmals traumatische Erfahrungen aus, die die Betroffenen ein Lebenlang belasten können.


Und deshalb ist für mich eine Auseinandersetzung mit dem Opferschicksal meiner Tante Erna Kronshage und ein Aufdecken all der Fakten, die von Familie und Elterngeneration in oft vergeblichen Abspaltungs-Versuchen unbearbeitet verschüttet werden soll(t)en, eine wichtige - und in gewisser Weise sicher auch "selbst-therapeutische", psychohygienische Aufgabe, die mich immer wieder umtreibt ...


Und: "Das Vergessen der Vernichtung ist Teil der Vernichtung selbst", so hat es Harald Welzer in Anlehnung an Jean Baudrillard allerdings erst in unseren Tagen formuliert: Das Vergessen des Grauens ist also von den NS-Tätern, vom damaligen faschistischen System, implizit mitgedacht und haargenau mit geplant und einkalkuliert worden - war quasi Sinn der Vernichtungsaktionen: Vollständige und totale "Ausmerze" und konsequentes restloses "Niederführen" - diese faschistischen Unworte schließen ja eine endgültige "Tilgung" mit ein: Vergesst die Getöten und Ermordeten - streicht sie aus eurem Gedächtnis: "Glücklich ist - wer vergisst - was nicht mehr zu ändern ist" ... - so heißt es im Text einer längst abgenudelten Operettenschnulze von Johann Strauss in der "Fledermaus", bereits 1874 uraufgeführt ...


Vergangenes ist ja niemals tatsächlich Aus, Schluss und Vorbei ...: Vergangenes bleibt und es ist - immer wenn wir es aufsuchen und damit kultivieren und integrieren in unsere kollektive Bewusstheit...


Und: Mit einem Vergessen all dieses individuellen Grauens wäre ein Großteil der Ziele dieser gnadenlos massenvernichtenden durchorganisierten Mordaktionen tatsächlich erreicht ... denn "Sinn" war ja - störendes Leben für Generationen mit all seinen Wurzeln gänzlich auszurotten - ein für alle Mal - in kollektive Vergessenheit zu bringen - für eine "neue Zeit" ... Das "deutsche Volk" sollte "gesäubert" werden - von allem "Kranken", "Asozialen", von allen "Ballastexistenzen", von allem deviant Abweichenden, von allem was dieses "Volks-Erbgut", dieses "deutsche Blut" belastet ... 


Zum Glück - ... Es ist anders gekommen: Im Sinne des oben genannten Operetten-Schnulzentextes  bin ich vielleicht sogar ein wenig "un-glücklich", eben weil ich nicht einfach "vergessen" mag, weil ich meiner Empörung Ausdruck verleihen will - verleihen muss ...


Nein - die Zeit wird reden. Und all die Opfertoten werden sprechen - in Fotos, in Briefen, in Aussagen, in Akten, auf "Stolpersteinen" - in Gedenkstätten  - z.B. auch aus einer Blauen Glaswand (wie in Berlin), aus Leucht- und Namensbändern (wie mittlerweile in der LWL-Klinik Gütersloh und im LWL-Museum in Warstein), im Wander-Denkmal der "Grauen Busse", in regionalen und überregionalen Gedenk- und Wanderausstellungen...  Diese Opfertoten tanzen durch unsere Gedanken - wie Flaschengeister aus dem orientalischen Märchen, die trotz der sicher geglaubten Verkorkung durch das familiäre Verdrängen und Vergessen irgendwie unbeabsichtigt - nach und nach- nach draußen gelangen - in die Gedankenwelt der Lebenden bringen sie sich durchs Erinnern. Sie leben um uns herum - sie (be)rühren uns ...


Dem gewaltsamen Ableben meiner Tante Erna Kronshage im Februar 1944 werde ich hier in diesem Blog - Stück für Stück - nachspüren, soweit mir das je gelingen wird - noch "blinde Flecken" zeit- und forschungsgemäß aktualisieren... Und ich werde mich über das ihr erlittene Unrecht - mit aller Kraft - endlich empören. 


Hoffentlich hat diese Arbeit einen gewissen Anteil am Aufbrechen des "kommunikativen Beschweigens" und der verschlossenen Strukturen gegenüber der NS-Vergangenheit, wie es bis vor Kurzem in diesem unserem Lande ganz bewusst und einseitig betrieben wurde ...


Aber eins muss dem Ganzen auch zugute gehalten werden: Es war das Beschweigen aus einer tatsächlichen Sprachlosigkeit heraus... 


Damals gab es für das, was da geschah keine kommentierende oder bewertende Artikulation. Man war zu unsicher, und hatte auch nicht den Überblick oder es gelernt und den Mut, das Handeln der "Obrigkeit" und der damit befassten Institutionen und Behörden oder gar der "studierten" Ärzte späterhin in der Heilanstalt etwa irgendwie kritisch zu sehen oder zu hinterfragen ... Es gab damals kaum ausreichende Antennen für eine sensible empathische Wahrnehmung und Einfühlung und keine klare reflexive Sprache für nuancierte Umschreibungen dieses Lebensschicksals einer überforderten vom tristen eintönigen Leben enttäuschten und dafür eigentlich viel zu agilen erlebnishungrigen jungen Frau, als die Erna Kronshage heute wahrgenommen werden kann ... - die - im wahrsten Sinne des Wortes - einfach am Bahnsteig für den Zug ins Leben vergessen worden ist - die aber ihre altersgleichen Nachbarinnen und früheren Klassenkameradinnen jeden Morgen am nahegelegenen Bahnhof in den Zug nach Bielefeld zu deren Arbeitsstelle einsteigen sah - und die dann selbst auf dem Rubbelwaschbrett allein am Ziehbrunnen hinterm Gehöft Wäsche zu waschen hatte - oder den Kuhstall ausmisten musste ...










Zu Anfang nun die Erinnerungen meiner Mutter Martha zum plötzlichen Tod ihrer jüngsten Schwester damals, die sie gut 40 Jahre nach diesem Geschehen - auf meine drängenden Fragen hin - nur widerwillig versuchte so zu rekonstruieren ...: 
„Erna - unser Ernchen - die starb wohl an Lungenentzündung, ich meine in Stolp *) (Ostpreußen) - das hab ich immer noch so im Ohr - kann auch woanders gewesen sein, jedenfalls im Osten das war wohl so eine Irrenanstalt, ein Krankenhaus, ein Sanatorium – na so eine Heilanstalt eben - der genaue Name stand in dem Telegramm, das Mama und Papa damals erhielten - aber den weiß ich nicht mehr. Man hatte sie dahin verlegt. Vorher war sie ja in Gütersloh, da in der Heilanstalt. Das ging da zu Hause nicht mehr mit ihr. Unsere Mama musste sie ja damals wegbringen lassen. Von der Braunen Gemeindeschwester. So nannte man die damals vom NSV. Ach, ich weiß nicht mehr wie die hieß. Und dann soll Ernchen ja sogar mit einem Messer – ja - mit einem Messer herumgefuchtelt haben – so im Jähzorn, weil sie gar nicht mehr arbeiten wollte ... Sie war so unzufrieden und undankbar. Aber Mama war doch auf sie angewiesen. Also so Genaues weiß ich auch nicht mehr. Das war ja alles eine schlimme Zeit, eine schlechte Zeit. Und die Männer waren alle an der Front – auch dein Vati - und meine Brüder - meine Onkel – und unser Papa war ja auch wegen seines Asthmas kriegsuntauglich - aber er war ja auch schon über 60 Jahre alt. Und dann kam da eines Tages ein Telegramm, sie sei da im Osten plötzlich verstorben. Und Papa hat sich dann sofort dafür eingesetzt, dass Ernchen von da im Osten zu uns hierher überführt wurde. Und erst hat man gesagt, das ginge nicht, aber dann hat das wohl doch geklappt. Aber Mama hat darauf bestanden, in den Sarg zu schauen, wie Ernchen aussah, ob man was sehen könnte, als sie dann nach Zuhause überführt worden war. Ich hatte ja die kleinen Kinder und konnte nicht mit zur Beerdigung gehen - weil Georg ja auch noch im Krieg war ... Und Heini, der hat wohl dann mit Papa den Sarg heimlich geöffnet. Der war nicht im Krieg, der war wohl freigestellt vom Fronteinsatz - "uk" oder wie das damals hieß. Der war ja Schreiner genau wie Papa und sie hatten das Werkzeug, um den Sarg heimlich zu öffnen. Aber sie hätte noch gut ausgesehen, unser Ernchen – ich meine so als Leiche an sich. War ja auch sehr kalt auf der Fahrt. War im Winter – und dann ihre Leiche in einem Sarg - in einem Güterwaggon ... Der Überführungswaggon war damals wohl fast vierzehn Tage unterwegs - bis dass er hier ankam. Es war ja auch Krieg, und dann kam der ja aus dem Osten, das dauerte. Und die Züge wurden ja damals beschossen und angegriffen. Die mussten manchmal tagsüber in einem Waldstück auf dem Gleis stehen bleiben und in Deckung gehen – und konnten nur nachts ihre Fahrt fortsetzen. Der Waggon wurde einfach an andere Züge angehängt - bis er eben hier eintraf. Papa hatte darauf bestanden, dass seine Jüngste zu Hause im Heimatsand im Familiengrab beerdigt würde. Die haben wohl auch die Arme der Erna-Leiche nachgeguckt und die Ellenbeugen, aber da hat man keine Einstiche von Todesspritzen gesehen. Und da waren auch keine Wunden oder Operationsnähte zu sehen. Und, das hat Mama immer wieder erzählt, Erna habe wohl zuletzt nichts mehr zu essen bekommen – sie sei stark abgemagert und nur noch 'Haut und Knochen' gewesen ...“
*) bei der Ortsbezeichnung Stolp irrte sich meine Mutter Martha - wie ich aus einem Brief vom 16.Januar 1986 des LWL Provinzialinstituts für Westfälische Landes- und Volkskunde - Wissenschaftliche Hauptstelle - durch Herrn Dr. Karl Teppe erfuhr: Erna wurde nicht in Stolp sondern in Gnesen, damals Reichsgau Posen, in der damals so benannten Gauheilanstalt "Tiegenhof" - wie wir heute wissen - ermordet ...

Herr Teppe schrieb schon 1986: "Es gibt keinen Hinweis auf "Euthanasie" bei Ihrer Tante, aber der Verdacht liegt sehr nahe. Immerhin lag die Todesrate bei den [von Gütersloh nach Tiegenhof am 12.11.1943] verlegten Personen bis Ende 1944 bei 80 %"... ]

... soweit Marthas subjektive Wahrnehmung vom Geschehen um Erna / um "Ernchen" - ihrer "kleinen" und jüngsten Schwester ...

Und wenn man es sich leicht machen möchte ist das schon eigentlich die ganze "Story" in Kurzform - und z.B. wie im WDR-Lokalzeit-Beitrag vom 09.10.2014: "in 5 Minuten alles erzählt" ... - wenn das nicht doch alles wesentlich komplizierter wäre ... - 


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Multimediale Doku-Bausteine führen in das Opferschicksal Erna Kronshages

siehe dazu auch das 88-seitige Bild/Doku/Fakten-Magazin zum 484-Tage-"Euthanasie"-Martyrium von Erna Kronshage und die YouTube-Playlist bestehend aus 6 Themen-Videos bzw. Slideshows oder Audio-Mitschnitte - auch zur Auswahl - mit insgesamt ca. 60 Minuten Länge: 
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Fotos: Fichten am Mühlenkamp (privat) - "Mühlenkamp" - Wohnhaus der Kronshages in Senne II (privat) -



1 Kommentar:

  1. Interressantes Video:
    http://www.youtube.com/watch?v=iL22fcsneXA

    Grüße

    Richard

    http://psychiatrie-oder-gesundheit.blogspot.com

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