Erna hatte bereits im Frühjahr 1942 angefangen, sich dem Einerlei der Arbeit auf dem Hof zu verweigern. Sie war eines Morgens nicht mehr pünktlich aufgestanden, nörgelte über ihr Schicksal lauthals mit der Mutter, drohte und schimpfte. Aber Mama Anna hatte das dann wieder "in den Griff" bekommen.
Nun, im Oktober 1942 ging das jedoch wieder los - mit Erna. Diese zermürbende Eintönigkeit der landwirtschaftlichen Arbeit und die beständige Überforderung und der ewig gleiche Trott hatten ihre Kräfte nun vollends aufgezehrt.
Nun, im Oktober 1942 ging das jedoch wieder los - mit Erna. Diese zermürbende Eintönigkeit der landwirtschaftlichen Arbeit und die beständige Überforderung und der ewig gleiche Trott hatten ihre Kräfte nun vollends aufgezehrt.
Hinzu kam diese latente Angst, das Leben zu versäumen oder konkret ebenso plötzlich wie vor zwei Jahren die Nachbarin Ida G. Opfer eines Bombenangriffs zu werden. Und der Bombenangriff an sich - als einschneidendes Trauma in unmittelbarer bedrohlicher Nähe - war noch längst nicht verarbeitet und kam in den Träumen zurück.
Die Sirenen heulten ja inzwischen immer öfter Fliegeralarm – und bei den nahgelegenen Raba-Werken schoss dann die Flak. Nachts, wenn englische Bomberverbände Angriffe auf Bielefeld oder Gütersloh oder Paderborn flogen, dann kroch diese Angst hoch, dann fand Erna keinen Schlaf mehr. Sie versuchte sich manchmal mit unmotivierten Kichern oder mit dem Trällern der gängigen Schlager aus dem Radio „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn – und dann - werden tausend Märchen wahr ...“ oder eines Spottliedes: „Freut euch des Lebens, Großmutter wird mit der Sense rasiert ...“. Und dann löste sich oft diese Verspannung und Verkrampfung und diese Angst. Aber immer gelang das nicht. Und vor allen Dingen, es wirkte wirklich komisch nach außen – ihre innere panische Angst durch unmotiviertes Kichern und Trällern zu überlisten ... Ihr Lachen war oft Weinen ...
Erna konnte und wollte nicht mehr, sie sehnte sich nach innerer Ruhe, nach der Fröhlichkeit und Ausgeglichenheit von früher, wenn sie nach dem Akkordeon spielenden Bruder Willi mit dem Bruder Ewald tanzte - und nach inneren Frieden – mit ihrer Umwelt und mit sich selbst. Sie sehnte sich nach Sicherheit, Geborgenheit und Liebe.
Was in Erna tatsächlich vorging, wissen wir nicht. Sie sagte später in den wörtlich zitierten Aktenaussagen zur Zwangssterilisation, sie habe oftmals "ihre Kameradinnen gesehen" - als Tagtraum - das sei gekommen und dann wieder vergangen. Sie schlief schlecht - und war todmüde, wenn morgens die Arbeit begann. Sie wachte nachts im kalten Schweiß auf und zitterte - und lauschte auf die Sirenen des nächsten Angriffs. Sie widersetzte sich morgens dem Wecken - und den Anweisungen der Mutter konnte sie nicht Folge leisten. Sie fuchtelte wohl sogar einmal mit dem Messer herum, als Mama Anna sie aufforderte, "moll nen birtken tengern to maken".
Was in Erna tatsächlich vorging, wissen wir nicht. Sie sagte später in den wörtlich zitierten Aktenaussagen zur Zwangssterilisation, sie habe oftmals "ihre Kameradinnen gesehen" - als Tagtraum - das sei gekommen und dann wieder vergangen. Sie schlief schlecht - und war todmüde, wenn morgens die Arbeit begann. Sie wachte nachts im kalten Schweiß auf und zitterte - und lauschte auf die Sirenen des nächsten Angriffs. Sie widersetzte sich morgens dem Wecken - und den Anweisungen der Mutter konnte sie nicht Folge leisten. Sie fuchtelte wohl sogar einmal mit dem Messer herum, als Mama Anna sie aufforderte, "moll nen birtken tengern to maken".
Sie kicherte kurz darauf, nahm ihre "liebe Mama" in den Arm - und fing an zu weinen, um gleich darauf wieder zu kichern. Sie fragte urplötzlich, ob ihr Bruder Ewald noch lebe. Sie konnte keine Tätigkeitsabläufe mehr kontinuierlich zu Ende führen, sondern unterbrach sie mehrfach - oder brach sie ganz ab.
Wahrscheinlich auf Betreiben der in Senne II zuständigen NSV-Gemeindeschwester (Volks"wohlfahrt": die "Braune Schwester" - wie sie im Volksmund bezeichnet wurde - die die "sozialen Brennpunkte" der Gemeinde Senne II schon auch aus "prophylaktischen Gründen" aufsuchte, und so mit Mutter Anna wegen Erna's "Unpässlichkeiten" im Frühjahr 1942 im Gespräch war ...) bekam Erna im Herbst 1942 eine Einladung zu einer amtsärztlichen Untersuchung bei einem Nervenarzt in Brackwede, der sie mit ihrer Schwester Lina als Begleitungsperson nachkam.
Der Amtsarzt hat ihr dann nach ein paar Fragen und einer körperlichen Untersuchung mit Reflex-Prüfungen ein Attest/Meldebogen/Gutachten o.ä. mitgegeben, auf dem empfohlen wurde, bei nochmaligen Beschwerden und psychischen Missempfindungen die Provinzialheilanstalt Gütersloh aufzusuchen, um sich dort einer eingehenden Untersuchung und Behandlung zu unterziehen. In der Anstalt Gütersloh war zuvor eine Schwester Ernas wegen des "Erregungszustandes" nach einem Konflikt mit einer Arbeitskollegin ambulant kurzfristig behandelt worden.
Erna sah hierin nun scheinbar urplötzlich einen Ausweg aus ihrer inneren Zerrissenheit. Sie konnte sich so der eintönigen zermürbenden Arbeit im Mühlenkamp entledigen und sich gründlich ausruhen - und sich "durchchecken" lassen - "und unter Menschen kommen" - vielleicht um ihren Gedanken ungestörter nachhängen zu können - eine vielleicht "anspruchsvollere" Umgebung - wohl quasi als "Erholungs-Kur", um so ihrem Bedürfnis nach einem bunteren Außen- und Innenleben Folge leisten zu können.
Auf alle Fälle zeigte sie diesen Überweisungsschein einer Polizeistreife, die am Wegesrand der Paderborner Straße parkte.
Auf alle Fälle zeigte sie diesen Überweisungsschein einer Polizeistreife, die am Wegesrand der Paderborner Straße parkte.

Und der Polizeibeamte - mit diesem Einweisungsschreiben konfrontiert - schloss sich mit der Orts-NSV-Schwester kurz - und Erna Kronshage wurde somit doch auch irgendwie "freiwillig" - aber im korrekten Amtsdeutsch damals "als gemeingefährliche Kranke durch polizeiliche Einweisungsverfügung der Prov. Heilanstalt Gütersloh zugeführt."
Eine "Gemeingefährlichkeit" wurde bei Einweisung durch die Polizei immer konstatiert, weil man bei psychisch erkrankten Personen durch ungesteuerte Handlungen auch immer die betroffene Person und/oder die "Allgemeinheit gefährdet" sah *).
*) Weitere Anmerkung zur Begrifflichkeit: ..."wurde deshalb am 24.10.1942 als gemeingefährliche Kranke durch polizeiliche Einweisungsverfügung der Prov.Heilanstalt Gütersloh zugeführt." (ggf. auch "Link" anclicken):
Die Einweisung als "gemeingefährliche Kranke" - war der Sprachgebrauch für eine polizeiliche Anstaltseinweisung. Neben "gemein-gefährlichen" Straftaten, gab es eben auch den Fakt, dass "Geisteskranke" zum eigenen Schutz oder zum Schutz der Öffentlichkeit von der Polizei eingewiesen werden konnten, weil sie ansonsten eine "Gefahr für die Allgemeinheit" (= eine "Gemeingefahr") darstellen konnten.Dieses eigenartige Verhalten Ernas, fast "wie die Motte ins Licht zu fliegen", so fast freiwillig und doch auch widerwillig und ohne Gegenwehr und selbständig ins "Verderben" zu rennen, diese Ambivalenz in ihrem Tun, die wir ja auch schon im beschriebenen grundlegenden Moraldilemma haben mitschwingen sehen (ich will am liebsten gehen - aber ich muss ja bleiben) - lag wohl auch am ambivalenten NS-Zeitgeist - an der inneren Gefühlsverwirrung: der Krieg außen war auch ein Krieg innen. Sie strampelte wie der Hamster im Rad - und kam nicht weiter ... - sie sah keine Perspektive für sich - und die "Studierten", die Ärzte, die "modernen Wissenschaften" in all dem neuen herrschenden "modernen Zeitgeist" konnten ihr sicherlich eine Perspektive bieten, eine Zukunft weisen ...
Man könnte sagen, „nicht normal" wurde zunehmend mit „gesellschaftsschädigend" gleichgesetzt. Und "nicht normal" war ja diese (aber sicherlich vorübergehende!!!) "Bummelei", das fühlte ja Erna K. auch selbst. Aber "nicht normal" bedeutete ja nun nicht gleich "Schizophren"/"Erbkrank" - aber in ihrem Fall wurde das so konstatiert. In der Praxis wurde "Normalität" ja vor allem daran gemessen, wie gut oder schlecht sich jemand in seine Rolle einfügt. Für die Landbevölkerung und für die NS-Sozialstandards im Alltag, die besonders von der NSV beobachtet und abgeprüft wurden, war die Arbeitsfähigkeit ein sehr wichtiges Kriterium, und zwar die Fähigkeit, pünktlich Arbeiten zu verrichten, die dem Alter, dem Geschlecht und der sozialen Stellung entsprechen."Arbeitsfähigkeit" war ja auch späterhin bei den Auswahlkriterien für die Liquidierung zur "Euthanasie" der Maßstab schlechthin. Wichtig war auch, dass sich jemand in seinem sozialen Umfeld „normal" bewegen konnte. Die Nachbarschaft, das soziale Umfeld, jetzt NS-geprägt, entschied aufgrund eigener Kriterien, ob jemand normal war oder nicht, und wenn nicht, in welchem Grad. Da sind medizinische Konzepte der NS-Psychiatrie insofern von Bedeutung, als sie für die eigenen Interessen der Dorfgesellschaft und die Ziele der Partei bzw. der NSV benutzt wurden. Es gibt Studien die genau das zeigen: In Irrenanstalten wurden PatientInnen aufgenommen, die man für "gemeingefährlich" hielt Leute, mit denen man im Dorf nicht zurecht kam, wurden also als gemeingefährlich eingestuft. Unerwünschte randständige Personen, evtl. in sozial auffälligen Familien, wurden aber sehr leicht, schon bei geringem Fehlverhalten, von der NSV-Volkswohlfahrt und der Polizei als gemeingefährlich bezeichnet. Eine andere Möglichkeit jemanden "von Amts wegen" einzuweisen, gab es nicht.
Erna Kronshage kam am 24.10.1942 in der Provinzialheilanstalt Gütersloh an.

Fotos: NSV-Brosche der "Braunen Schwestern" - Polizeiposten um 1940 - Postkarte: Verwaltungsgebäude der Provinzialheilanstalt Gütersloh, um 1940 - Frauenabteilungen (alle Fotos privat) - Anstaltsbett um 1940






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