Ein moralisch-ethisches Dilemma kann formalisiert wie folgt dargestellt werden:
(i) Es ist geboten, a zu tun,
(ii) Es ist geboten, b zu tun,
(iii) Ich kann aber nicht zugleich a und b tun.
Übersetzt auf den "Fall" Erna Kronshage hieß das:
(i) Es ist geboten, die Eltern in ihrer lebensnotwendigen Arbeit nicht allein zu lassen,
(ii) Es ist geboten, mich zu lösen, selbstständig zu werden, auf eigenen Beinen zu stehen,
(iii) Ich kann aber nicht bei den Eltern bleiben - und gleichzeitig selbstständig werden.
Der Mühlenkamp diente der dreizehnköpfigen Familie Kronshage als Wohnstätte und Heimat. Unschwer sich vorzustellen welch ein Leben hier ursprünglich pulsierte - und dann noch mit den Schul- und Berufspendlern, die ihre Fahrräder hier täglich abstellten und "bewachen" ließen.
Dieses Gesamtunternehmen wurde von Mama Anna selbstbewusst und kompetent geführt. Intern, in ihrer Familie, aber auch nach außen, war sie das eigentliche Familienoberhaupt, die Henne im Nest. Mama Anna war eine damals schon deutlich als „emanzipiert“ zu bezeichnende Frau, eine Unternehmerin und Managerin. Die es verstand, den Laden beieinander zu halten, sparsam zu wirtschaften, die elf Kinder heranzuziehen und zu erziehen, sie zur Selbstständigkeit zu führen, das Vieh zu versorgen, das Vieh und die landwirtschaftlichen Erzeugnisse einzukaufen und zu verkaufen, das Fahrradparkhaus für die Berufspendler zu managen, sich durchzusetzen, aber auch noch den kränkelnden Ehemann angemessen zu umsorgen, wenn es denn sein musste. Bis ins Alter von 76 Jahren hat sie diesen Job ohne jeden Urlaub, ohne jede Unterbrechung, ohne Krankheiten, über fünfzig Jahre hin ausgeübt. Uns wurde sie als dankbarer, fröhlicher, manchmal regelrecht verspielter, und wenn es sein musste aber auch als ein äußerst energischer und manchmal jähzorniger Mensch geschildert.
Im Laufe der Zeit allerdings leerte sich das Mühlenkamp-Gehöft in Senne II nach und nach. Die älteren Töchter und Söhne gingen aus dem Haus oder waren meist in der näheren und weiteren Umgebung verheiratet. Die anderen Söhne wurden zum Arbeitsdienst oder zum Militär eingezogen. Ehe sich Anna versah, war sie mit ihrem asthmakranken Ehemann und mit ihrer Jüngsten, dem „Ernchen“, zu Dritt in diesem großen Haus, mit seiner großen Deele, den vielen kleinen Zimmern, dem Vieh in den Ställen, fast alles unter einem Dach. Und gleichzeitig mit diesem Exodus gingen ihr die vielen Paare helfender Hände verloren. Die Arbeit an dem Gesamtprojekt lastete nun meist ganz allein auf ihren Schultern. Erna war für eine solch stete harte Arbeit eigentlich noch viel zu jung und von ihrer Konstitution her viel zu zart – und von ihrer Entwicklungsphase her hätte sie nun auch eigentlich ermuntert werden müssen, das Elternhaus für eine Ausbildung zu verlassen und sich zumindest in der Nachbarschaft umzuschauen und Lebenserfahrungen zu sammeln.
Wenn jetzt auch noch das Ernchen flügge werden wollte und man ihrem deutlich zu vernehmenden Wunsch nachgekommen wäre, das Elternhaus für eine Ausbildung in einer der nah gelegenen Städte (Bielefeld, Paderborn) zu verlassen, um unter „intelligenten Menschen“ zu leben (so hat es Erna später in den Verhandlungen vor dem Erbgesundheitsgericht wegen ihrer Zwangssterilisation ausgedrückt !), dann wäre das existenziell für Haus und Hof und die Restfamilie nicht zu verkraften gewesen. Also musste Erna bleiben, und koste es was es wolle, mit allen Mitteln auch „gehalten“ werden.
Gegenüber Dritten und den anderen Kindern wurde Ernchen im Zuge dieser Entwicklung von Mama Anna und auch von Papa Adolf öfter als sehr zart und viel zu klein und viel zu jung und viel zu schwach und als äußerst schutzbedürftig deklariert. Obwohl sie tagsüber zu schweren und schwersten Arbeiten und Verrichtungen angehalten wurde, konnte man in der Wortwahl und in Berichten über sie deutlich diese vorübergehende Tendenz einer „Verniedlichung“ wahrnehmen.
... Unser kleines Ernchen – sie war doch Mamas "Hauspüngelchen" – sie war doch eigentlich viel zu zart für diese schwere Arbeit – sie war ja ständig überarbeitet und völlig überfordert ...
In dieser Gefühlsambivalenz (zwischen "überfordernder Schwerstarbeit" und "zärtlicher Verniedlichung") wurde damals und auch späterhin der Fall Erna in der Familie und in der Verwandtschaft und in der Nachbarschaft verhandelt. Diese Ambivalenz sendete ständige Doppelbotschaften aus, ständige Doublebinds:
Du bist jetzt erwachsen, aber du bleibst doch immer unsere Jüngste. Schau dich erst einmal in der Welt um, aber wir brauchen dich hier. Werde endlich selbstständig, aber wir lassen dich nicht gehen. Fass zu - und arbeite, aber die Arbeit ist zu schwer und eintönig für dich.
Täglich wurden die Fahrräder der Berufspendler vom nah gelegenen Bahnhof Kracks behütet In der Deele des Gehöfts - eine zusätzliche Aufgabe im Tagesablauf für Erna Kronshage
Ein weiteres Doublebind setzten die Umstände: Erna Kronshage "vereinsamte" als begabte lebenslustige Frau zusehends auf dem elterlichen Hof in dieser ursprünglichen Großfamilie, wo zusätzlich zwar täglich fast 100 oftmals persönlich bekannte Schul- und Berufspendler ihre Fahrräder abstellten und zum Feierabend wieder abholten, aber niemand mehr die Zeit fand, sich mit ihr, der Jüngsten, tatsächlich auseinanderzusetzen: Die Geschwister waren aus dem Haus und im Krieg an der Front. Und der Krieg und die Zeit bannten alle Aufmerksamkeit. Da war Erna kaum noch wahrnehmbar. Und sie spürte das - und dieser Zustand schnürte sie zu.

Täglich wurden die Fahrräder der Berufspendler vom nah gelegenen Bahnhof Kracks behütet In der Deele des Gehöfts - eine zusätzliche Aufgabe im Tagesablauf für Erna Kronshage
Ein weiteres Doublebind setzten die Umstände: Erna Kronshage "vereinsamte" als begabte lebenslustige Frau zusehends auf dem elterlichen Hof in dieser ursprünglichen Großfamilie, wo zusätzlich zwar täglich fast 100 oftmals persönlich bekannte Schul- und Berufspendler ihre Fahrräder abstellten und zum Feierabend wieder abholten, aber niemand mehr die Zeit fand, sich mit ihr, der Jüngsten, tatsächlich auseinanderzusetzen: Die Geschwister waren aus dem Haus und im Krieg an der Front. Und der Krieg und die Zeit bannten alle Aufmerksamkeit. Da war Erna kaum noch wahrnehmbar. Und sie spürte das - und dieser Zustand schnürte sie zu.

Fotos von Oben nach Unten: Der Mühlenkamp - versteckt hinter den Fichten - Mama Anna bei der "Büroarbeit" - Foto Mama Anna, ca. 1950 - Kartoffeln ausmachen, Bildquelle: DIE SENNE, Wehrmann, 1985 - Mama Anna beim Stallausmisten (ein Sohn notierte auf die Bildrückseite: "Wie einst Blücher...") - Papa Adolf mit Kuh - Roggenernte mit Sense - Kartoffeln auslesen als typische Tätigkeit auch für Erna Kronshage - Bildquelle: DIE SENNE, Wehrmann, 1985









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