In der Nacht zum Sonntag, 2.Juni 1940, war in der allernächsten Nachbarschaft etwas Furchtbares und wiederum auch Eigenartiges geschehen. Ein offenbar verirrter britischer Kampfflieger hatte auf das Gehöft Westerwinter auf der gegenüberliegenden Straßenseite einen Angriff geflogen und dabei mehrere Bomben abgeworfen, die ein Wohnhaus und mehrere Nebengebäude trafen und teilweise zerstörten. Durch eine einstürzende Verandadecke wurde Ida G. im Alter von erst zweiundzwanzig Jahren getötet und ihr Freund August K. schwer verletzt.
Und nun dies, mitten vor der Haustür. Es war der erste Bombenabwurf in ganz Ostwestfalen-Lippe. Wie leicht hätte es den Mühlenkamp treffen können, denn der Kampfflieger wollte ja vielleicht den Bahnhof Kracks oder die Bahnlinie treffen, denn ansonsten gab es ja weit und breit keine kriegswichtigen Ziele. Die Bahnlinie vielleicht, um die Bahntransporte von militärischen Gütern aus der Großfirma Benteler in Schloß Neuhaus zu unterbinden bzw. die Versorgung zum Truppenübungsplatz Senne. Vielleicht hatte aber auch ein in Schwierigkeiten geratener alleiniger Bomberpilot Ballast abwerfen müssen - und es war tatsächlich ein zufälliger und ungeplanter Treffer.
Am makabersten war dann am Wochenende darauf ein regelrechter Bomben- und Katastrophentourismus aus Bielefeld und Verl und Schloss Holte und aus Gütersloh und Paderborn. Alle wollten die Gebäudetrümmer und die frischen Bombentrichter auf dem Westerwinterschen Hof und daneben sehen .
Der gesamte Luftschutz hatte kläglich versagt. Es hatte noch keinerlei Sirenengeheul gegeben, auch kein Flakabwehrfeuer, wie sie das späterhin noch einige Male zu Genüge miterleben sollte. Es gab keine Warnungen. Erna war nachts aufgeschreckt, hatte Lärm gehört, hatte das Dröhnen des Kampffliegermotors gehört, wie er ansetzte zum Tiefflug, um seine tödliche Last abzusetzen, hatte es Krachen hören und Blitzen sehen. Erst die Feuerwehrsirene einige Zeit später war ein Hinweis auf die Katastrophe, die sich da gerade vor ihrer Deelentür abgespielt hatte.
Für Erna war mit dieser Katastrophe im Nachbarhaus - zusätzlich zum Fronteinsatz ihrer Brüder - die Welt geradezu stehen geblieben.
Das war also dieser „heldenhafte Krieg“, von dem früher schon in der Schule, jetzt aber überall auf Schritt und Tritt so voller Enthusiasmus und Gloria berichtet wurde. Von einer todbringenden Gegenwehr des Feindes, von eigenen Verlusten in der Heimat in einem solchen Krieg war zuvor nie die Rede gewesen.


Und für Erna war dieser Bombenabwurf ein Schock, der durch und durch ging. Erna litt - und es standen keine Katastrophenhelfer bereit, diesen Schock gebührend aufzuarbeiten. Erna Kronshage war hochintelligent und äußerst sensibel. Und dann trifft ein solches Geschehen besonders hart. Das steckt man als 17-jährige, die bisher besonders behütet wurde, nicht einfach so weg - diese plötzliche existenzielle Bedrohung - aus "heiterem Himmel" ...
Abbildungen von Oben nach Unten: Reproduktion der Zeitungsmeldung (6 Zeilen - einspaltig - für den 1. Bombenabwurf in Ostwestfalen-Lippe im 2. Weltkrieg), Abb. 194, Heimatbuch Sennestadt) - Bombentrichter (weißer Ring) auf Westerwinters Grundstück in der Nähe von "Freitags/(Wester-)Winters Mühle" (heute Hotel Busch) (kleiner Pfeil oben = Mühlenkamp - Pfeil Mitte = Bombentrichter) - Tiefe des Bombentrichters an der heutigen Sender Straße - Getroffener Hof Westerwinter I - Getroffener Hof Westerwinter II




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