Und man kann sich die Situation dieser privaten Leichenschau ausmalen, wie der Sarg da in der Schreinerwerkstatt von Papa Adolf im Mühlenkamp von ihm und seinem Sohn Heinrich ebenso klammheimlich geöffnet wurde, nachdem man ihn bei Nacht und Nebel aus dem "nach Bitten und Betteln" passend vor das Grundstück rangierten Packwaggon der Reichsbahn herüber gehievt hatte. Und einer stand an der Brettertüre und hielt Wache. Und Heinrich - für das Militär uk-gestellt - brach die Siegelmarken der Irrenanstalt am Sarg auf - auf denen der Reichsadler prangte. Und schraubte den Deckel ab, und inspizierte die Leiche in der schummrigen Beleuchtung. Wahrscheinlich hatten sie keinen Arzt geholt - und sie hätten wahrscheinlich auch keinen Arzt mobilisieren können - und wahrscheinlich war auch der Pastor nicht zugegen. Und Anna, die Mutter, die „Mama“ wie sie von allen elf Kindern zärtlich aber auch ehrfurchtsvoll genannt wurde, schaute ihnen bei der Begutachtung über die Schulter. Und alle Anwesenden stellten flüsternd laienhafte Diagnosen auf und gaben Beurteilungen ab.

Das Ganze war ein makabres düsteres Motiv, wie es vom Maler Rembrandt oder auch von Emil Nolde nicht besser erdacht und komponiert und zur Leinwand hätte gebracht werden können: Der geöffnete Sarg auf zwei Böcken vor der Kulisse einer wändehoch reichlich ausgestatteten Tischler- und Schreinerwerkstatt mit offenen Regalen voller wohlgeordneter, im schummrigen Funzellicht dunkelglänzender Holzwerkzeuge - wie verschiedene Hobel, Winkel, Schlägel, Hammer, Raspeln, Stecheisen usw. Und danach wurde der Sarg dann auf der Deele des Mühlenkamps aufgebahrt, von wo die Leiche Erna Kronshages dann "offiziell" am Sonntag, dem 05.03.1944, mit der örtlichen Leichenkutsche abgeholt und zum Friedhof in Senne II gebracht wurde, wo die Beerdigung nachmittags um 15.00 Uhr stattfand.
Der "offiziell" amtlich mitgeteilten Todesursache mit "Vollkommene Erschöpfung des Körpers" wurde von der Familie offensichtlich kein Glauben geschenkt. Man inspizierte und forschte. Und im Sterbebucheintrag der Kirchengemeinde Senne II vom 05.03.1944 verzeichnete Pastor Holzapfel diesen Hinweis - zur damaligen Zeit sicherlich auch Ausdruck eines "stillen Protestes" - s. auch Abschnitt 24:
"Todesursache unbekannt - Sie starb in einer Anstalt für Geisteskranke in Tiegenhof, Kr. Gnesen."
Fotos: Von Oben nach Unten: Ansicht einer typischen Diele/Deele in Ostwestfalen-Lippe - ähnlich der im Mühlenkamp - Ouelle: Wikipedia/Wiki/Kalletal - Packwaggon der Deutschen Reichsbahn (verändert) (Google-Bildersuche) - Schreinerwerkstatt http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/63/Schreinerwerkstatt_Boos_Aulendorf.jpg - Siegelmarke "Irrenanstalt" Tiegenhof/Dziekanka, Gnesen, Provinz Posen (Privat) - Leichenschau Face = Verwendung eines Fotos von http://leichenschau.medicalpicture.de/ - Die heimliche Leichenschau (Verwendung Fotoausschnitte von "gute frage.net" & von (c) dpa/tz-online - V)







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